Was steckt dahinter?
Wer in den letzten Tagen am Danewerk unterwegs war, hat es vielleicht schon bemerkt: Eine kleine Nische im nördlichen Teil der Waldemarsmauer, deren fehlende Steine bislang den Blick ins Mauerinnere freigaben, wurde nun mit sogenannten Opferschichten aus modernen Ziegeln zugemauert. Diese Ziegel wurden bereits bei der großen Konservierungsmaßnahme 2018–2021 verwendet. Doch warum war dieser Eingriff notwendig?
Schutz der historischen Substanz
Die Nische war besonders anfällig für Erosion. Durch die offene Struktur konnte sich dort Wasser sammeln, was ideale Bedingungen für Pflanzenwachstum bot. Die historischen Ziegelsteine sind zudem vergleichsweise weich gebrannt und dadurch besonders empfindlich gegenüber Witterungseinflüssen.
Durch die Aufmauerung entsteht nun eine geschlossene, glatte Oberfläche aus neuen, härteren Steinen. Diese schützt die dahinterliegenden originalen Steine und den Mörtel vor Regen, Wasser, Bewuchs und anderen schädlichen Einflüssen. So wird weiterer Substanzverlust verhindert und die historische Mauer langfristig stabilisiert.
Ein denkmalpflegerisches Dilemma
Mit dieser Schutzmaßnahme geht jedoch ein Kompromiss einher: Die historischen Steine im Bereich der Nische sind nun nicht mehr sichtbar. Genau hier liegt ein zentrales denkmalpflegerisches Spannungsfeld: Wie lässt sich eine historische Ruine erhalten, ohne ihr Erscheinungsbild und ihre Wirkung grundlegend zu verändern?
Die internationalen Leitlinien zur Denkmalpflege geben hierzu wichtige Orientierung. Die Burra Charter (2013) betont, dass möglichst alle Aspekte der kulturellen Bedeutung eines Ortes bei Erhaltungsmaßnahmen berücksichtigt werden müssen. Authentizität ergibt sich dabei nicht allein aus dem Material, sondern auch aus Lage, Konstruktion, Umgebung, Erlebbarkeit und Naturnähe.
Auch die Charta von Venedig (1964) fordert, den überlieferten Bestand zu respektieren, keine Rekonstruktionen vorzunehmen und neue Materialien als solche klar erkennbar zu machen. Die gewählte Lösung folgt genau diesen Grundsätzen: Die neuen Steine sind als Ergänzung sichtbar, schützen jedoch die historische Substanz, ohne eine historische Form zu rekonstruieren.
Gemeinsame Verantwortung für das Welterbe
Aus denkmalfachlicher Sicht steht der Substanzerhalt im Zentrum des Schutzes. Ebenso wichtig ist es, den bestehenden Eindruck des Kulturdenkmals und seines Umfelds zu bewahren. Die Erhaltung ist eine interdisziplinäre und dauerhafte Aufgabe.
Der Kreis Schleswig-Flensburg als Denkmaleigentümer und das Archäologische Landesamt Schleswig-Holstein als Obere Denkmalschutzbehörde und Welterbemanager arbeiten eng zusammen, um das Denkmal zu sichern und seine Resilienz gegenüber Witterung und anderen Einflussfaktoren zu stärken – für heutige und zukünftige Generationen.
